KOMPLEXITÄTEN
Der Begriff der konglomeraten Ordnung wurde durch das britische Architektenpaar Alison und Peter Smithson definiert. Auf der Suche nach einem
Instrument der sinnlichen Wahrnehmung von Räumen beschreiben Sie in ihrem Buch „Italienische Gedanken“ eine Entwurfsmethodik, bei der sich die
komplexen Anforderungen an ein Gebäude, mit Bezug auf die natürlich gewachsenen Strukturen der Stadt, zu einer Einheit zusammenfügen. Ein Ge-
bäude der konglomeraten Ordnung ist ein „unentwirrbarer Teil einer größeren Struktur“, „schwer im Gedächtnis zu behalten, kaum fassbar“ und scheint „nur wenn man wirklich dort ist, (...) ganz einfach“. 1
In Wohnräumen spielt Sinnlichkeit und eine hohe Dichte an spannungsvollen Raumabfolgen eine übergeordnete Rolle. Unsere Wohnräume sind Räume,
in denen wir uns täglich aufhalten, unsere privatesten Rituale durchführen, zeigen, wer wir sind und unser alltägliches Lebenschaos bewältigen. Jeder benutzt und belebt seine Wohnräume individuell. Daher muss die logische Folge sein, dass Wohnräume, vor allem im Geschosswohnungsbau, nicht als standardisierte Massenware entworfen werden, sondern eine sinnliche und szenische Vielfalt an Räumen und Raumabfolgen entwickelt wird. In einer
konglomeraten Ordnung findet man eine hohe Dichte an Räumen, Wegen und Orten, die unterschiedliche Qualitäten und Wesenszüge besitzen. Eine
räumliche Spannung kann nur durch individuelle und komplexe Raumentwürfe entwickelt werden. Die vermeintlich zufällig aufgebaute Ordnung und
Struktur enthält alles, was wir in den planvoll und rationell eingerichteten Wohnungen vergeblich suchen: Leben. „Große Räume, große Fenster, viele
Ecken, krumme Wände, Stufen und Niveauunterschiede, Säulen und Balken — kurz all die Vielfältigkeit, die wir im (…) Haus suchen, um der trostlosen
Öde des rechteckigen Zimmers zu entgehen“. 2
Der Bruch mit den Standards im Wohnungsbau und funktional gegliederten Wohngrundrissen ist daher unabdingbar, damit Wohnwelten entstehen, in denen sich unterschiedliche Lebensweisen entfalten können und Platz für individuelle und kollektive Aneignung geschaffen wird.
Josef Frank beschreibt in seinem Aufsatz „Das Haus als Weg und Platz“, dass die Erschließungswege in einem Wohnhaus mit einer hohen Komple-
xität anzulegen sind. Die Stadt mit ihren Straßen, Gassen und Plätze soll als Vorbild für eine komplexe Erschließungsstruktur herangezogen werden.
Durch räumliche Komplexität entstehen Wohnräume, die eher zu unseren aktuellen Fragen zum Wohnungsbau passen und die Vielfalt der Gesellschaft
abbilden.
Es geht dabei nicht um das Entwerfen einer rein formalen Komplexität , sondern darum, eine szenische Vielfalt innerhalb einer Gebäudestruktur zu
entwickeln, die, wie Peter und Alison Smithson es beschreiben, schwer im Gedächtnis zu behalten, kaum fassbar und nur wirklich ist, wenn man dort
ist.3
1 vgl. Alison und Peter Smithson; Italienische Gedanken
2 Josef Frank; Das Haus als Weg und Platz
3 vgl. Alison und Peter Smithson; Italienische Gedanken